Interview mit Traumaexperte

Ich wollte nicht sterben.
Ich wollte leben.
Ich denke, jeder möchte das.

Aber was kommt danach?


Wie können Traumaopfer ihre furchtbaren Erlebnisse verarbeiten? Lässt sich ein Trauma komplett überwinden? Was können Angehörige tun? Und wie geht man mit Rachegefühlen um? A&E hat mit dem Traumaexperten Dr. Christian Lüdke gesprochen.

A&E: Mit welchen Symptomen hat ein traumatisierter Mensch zu kämpfen?

Dr. Christian Lüdke:
Hier können drei Kernsymptome auftreten: Viele werden mit sehr belastenden Erinnerungsbilder, die immer wieder auftauchen, konfrontiert werden. Diese so genannten Flashbacks muss man sich wie ein Kopf-Kino vorstellen, das auf allen Sinnesebenen abläuft und die erlebten Körpererinnerungen wieder aufruft. Die Betroffenen werden außerdem Vermeidungs- und Verleugnungsstrategien entwickeln, um somit alles zu umgehen, was sie an das Erlebte erinnert. Sie schalten ihre Gefühle ab und laufen nur noch auf Autopilot. Viele werden Übererregungssymptome zeigen d.h. sie werden Schlaf- und Essstörungen haben. Von einer Schlafstörung kann man beispielsweise ausgehen, wenn man über drei Monate hinweg weniger als 6 Stunden pro Nacht schläft. 


A&E: Ein traumatisches Erlebnis brennt sich tief in die menschliche Psyche ein. Kann man ein Trauma komplett überwinden bzw. bewältigen?
 
Dr. Christian Lüdke: Ja, eine vollständige Verarbeitung ist aus eigener Kraft und durch Hilfestellung des Therapeuten möglich. So wie Schnittverletzungen können auch seelische Verletzungen heilen. Zurück bleibt dann eine Narbe bzw. die Erinnerung. Durch Ruhe und Abstand, das Umlenken der Aufmerksamkeit auf schöne Dinge und vor allem die persönliche Reifung, d.h. die für sich selbst die Frage zu stellen: was ist das Gute im Schlechten? Verarbeitung heißt, das Erlebte völlig in das Lebensganze zu integrieren und es als Gedächtnisinhalt abzulegen ohne davon wieder körperlich ergriffen zu werden; Verarbeitung heißt: ein anderes Lebens zu führen, als ohne dieses Trauma, dieses andere Leben muss aber nicht schlechter sein, im Gegenteil, man kann sogar stärker werden.


A&E: Welche Maßnahmen sollen Angehörige ergreifen bzw. wie sollen Angehörige mit einem Traumatisierten umgehen?

Dr. Christian Lüdke: Wichtig ist die unmittelbare Anwesenheit einer stabilen Person, die hoffnungsvoll und zuversichtlich ist. Das kann ein Angehöriger, ein bester Freund oder auch der Therapeut sein. Ein wichtiger Punkt ist auch das die Betroffenen Wertschätzung erfahren, denn je größer die ist, desto größer sind die Heilungschancen. Das Traumaopfer sollte viel Ruhe und Abstand haben, denn nicht jeder möchte das Erlebte erzählen. Zudem sollte die Aufmerksamkeit auf etwas Positives gelenkt werden. Aus der Schmerzforschung weiß man, dass der Körper aktiv nach Ablenkungsmöglichkeiten sucht, denn dadurch werden Endorphine freigesetzt, die ein Erleichterungsgefühl hervorrufen und die Selbstheilungskräfte in Gang setzen können. Dieser Prozess kann aber bis zu drei Monaten dauern. 


A&E: Welche Anlaufstellen gibt es für Traumaopfer?

Dr. Christian Lüdke: Auskunft gibt jeder Arzt und auch die Polizei; sie informieren über das OEG, das Opferentschädiogungsgesetzt. Auch der Weisse Ring hilft mit einem speziellen Angebot (psychotraumatologischer Bratungscheck). Weiterhin geben alle niedergelassenen Therapeuten Auskunft, oder im Internet unter www.psychotherapiesuche.de


A&E: Wie geht man mit Rachegefühlen um?

Dr. Christian Lüdke:
Rache ist eine normale Reaktion auf ein außergewöhnliches Erlebnis. Sie ist eine Form mit seinen Gefühlen umzugehen. Rachegedanken sind sogar wichtig für die Verarbeitung des Erlebten. Trotzdem sind diese natürlichen Impulse steuerbar. Hinter der Rache steht eines der sechs Grundgefühle des Menschen. Diese Gefühle sind: Trauer, Wut, Freude, Ärger, Orgasmus und Staunen. Hinter Rache steht das Gefühl Wut. Gefühle sind immer richtig, es gibt keine falschen Gefühle; Gefühle sollten immer der Situation angemessen zum Ausdruck gebracht werden. Also Wut (hier Rache) wahrnehmen, sie bennenen und dann abreagieren, zum Beispiel über körperliche Bewegung, Sport, und vor allem sich in der Fantasie vorstellen zu dürfen, Rache zu üben ohne es dann aber in die Realität umzusetzen. Denken ist Probehandeln und in der Fantasie dürfen alle Rachegfühle ausgelebt werden.


Dr. Christian Lüdke ist approbierter Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut und Geschäftsführer der TERAPON Consulting GmbH. Seit 1997 ist er regelmäßiger Experte und Interviewpartner von Fernsehsendern und Presse zu psychologischen und erziehungswissenschaftlichen Themen.

Im November 2011 ist sein neues Buch "Wenn die Seele brennt. Mit eigener Kraft aus der Krise" erschienen.